Sagen Sie ihm, dass er für die Träume seiner Jugend

soll Achtung tragen, wenn er Mann sein wird,

nicht öffnen soll dem tötenden Insekte gerühmter besserer Vernunft

das Herz der zarten Götterblume - dass er nicht soll irre werden,

wenn des Staubes Weisheit Begeisterung, die Himmelstochter, lästert.

 

Schiller, Don Carlos IV, 21. (Marquis)

 

Jura Soyfer schrieb den folgenden Text als Mitt-Zwanziger:

 

Lied des einfachen Menschen

 

Menschen sind wir einst vielleicht gewesen
Oder werden's eines Tages sein,
Wenn wir gründlich von all dem genesen.
Aber sind wir heute Menschen? Nein!

 

Wir sind der Name auf dem Reisepaß,
Wir sind das stumme Bild im Spiegelglas,
Wir sind das Echo eines Phrasenschwalls
Und Widerhall des toten Widerhalls.

 

Längst ist alle Menschlichkeit zertreten,
Wahren wir doch nicht den leeren Schein!
Wir, in unsern tief entmenschten Städten,
Sollen uns noch Menschen nennen? Nein!

 

Wir sind der Straßenstaub der großen Stadt,
Wir sind die Nummer im Katasterblatt,
Wir sind die Schlange vor dem Stempelamt
Und unsre eignen Schatten allesamt.

 

Soll der Mensch in uns sich einst befreien,
Gibt's dafür ein Mittel nur allein:
Stündlich fragen, ob wir Menschen seien?
Stündlich uns die Antwort geben: Nein!

 

Wir sind das schlecht entworfne Skizzenbild
Des Menschen, den es erst zu zeichnen gilt.

Ein armer Vorklang nur zum großen Lied.
Ihr nennt uns Menschen? Wartet noch damit!

 

Komposition und Gesang (fast fünf Jahrzehnte älter): Reinhard Fehling

Es spielt: 'Die wilde 7'

 Das Lied des einfachen Menschen

 

 'Jung und wild': Gleichgültig ob von Alter und von Gesinnung. Mit roten Wangen haben sie geschrieben: die früh vollendeten (leider auch zu früh beendeten) Soyfers, Schuberts und Shelleys. Ihre Ideen haben sie flammend vorgetragen und sie leuchten und wärmen bis in unsere Zeit.

 90 Minuten Aufbruch aus Resignation und Stagnation, aus dem Klein-Klein des Alltags, aus dem mutlosen 'Das-geht-doch-nicht' tun gut. Idealismus? Ja doch! Aber nicht ohne Verstand, nicht ohne Witz und nicht einmal ohne Zweifel. Aber erst einmal muss ein Satz gesagt werden, ehe der Gegen-Satz auf den Plan treten kann.

 So wollen wir es halten am Konzert-Sonntag. Jura Soyfers bissige Gedichte, sein phantasiestrotzendes 'Astoria', Percy Bysshe Shelley's 'Masks of Anarchy' und Schuberts 'Erlkönig' führen uns in die ursprüngliche Welt der Begeisterung, die unter des 'Staubes Weisheit' verborgen liegt.

 Es wirken mit: Der Chor 'Die letzten Heuler', die Band 'Die wilde 7', (Freya Deiting, vl, Sandra Horn, tr, Ralf Kiwit, sax,Thorsten Lange-Rettich, trb, Maik Hester, acc, Eric Richards, kb, Jan Reisige, dr),

und die Schauspieler Barbara Blümel und Michael Kamp.

 

Jura Soyfer

 BALLADE DER DREI

 

 Achtung, denn jetzt kommen wir,

 Wir drei im Bunde,

 Und springen der Welt in den Nacken voll Gier,

 Wie große Fleischerhunde!

 Voran der Mann mit dem harten Schlag. - Eins!

 Sodann der Mann mit den Lügen im Sack. - Zwei!

 Und schließlich der Herr mit dem Reinertrag.

 - Die Faust - die Phrase - und das Geld:

 Wir drei erobern die Welt.

 

Achtung, du farbiger Mann,

 Vor den Gewehren!

 Denn wer seine Haut nicht mehr weiß machen kann,

 Muss seiner Haut sich wehren.

 Voran der Mann, der den Weg freidrischt. - Eins!

 Sodann der Mann, der die Wahrheiten mischt. - Zwei!

 Und schließlich der Herr, der im Trüben fischt.

 - Die Faust - die Phrase - und das Geld:

 Wir drei erobern die Welt.

 

Achtung, Europa! Auch du

 wirst gebunden.

 Wir machen dir goldene Kleider und Schuh -

 Und schlagen dich voll Wunden.

 Du dienst dem Herrn mit dem festen Griff. - Eins!

 Dem Herrn mit dem Reklamekniff. - Zwei!

 Und schließlich nur dem, der die beiden rief.

 - Die Faust - die Phrase - und das Geld:

 Wir drei erobern die Welt.

 

Und hier ein Höreindrück des Stückes

 

 

 

jungundwildplakat

 Plakatentwurf: Luise Lunemann

 

 

Von Jungen und Wilden und einem Fake-Staat

 

Es war ein junges und wildes, vor allem aber kurzes, Leben, das Jura Soyfer geführt hat. Es begann 1912 in Charkow und endete 1939 in Buchenwald. 1921 wurde seine Familie, vor den revolutionären Wirren fliehend, nach Wien verschlagen. Schon als Schüler mischte er sich dort in die Politik ein, las und diskutierte viel in pazifistisch-sozialistischen Schüler-Zirkeln und begann zu schreiben.  Witzig, charmant und gebildet wie er war, kommentierte er das Zeitgeschehen in Gedichten, die vor allem in der SPÖ-nahen Presse erschienen und auf sein Riesentalent aufmerksam machten. In der Zeit des Austrofaschismus (1934 - 1938) konnten seine Theaterstücke unter den Bedingungen der Zensur nur in Kellertheatern aufgeführt werden.

 

Eines dieser Stücke ist 'Astoria' - geschrieben 1937, aber hochaktuell. Es handelt von einem Fake-Staat, in dem angeblich Milch und Honig fließen, von dem in Wahrheit aber nur eine Botschaft und das dazugehörige Personal existiert. Der Landstreicher Hupka lässt sich von Gräfin Gwendolyn, die ihrem Mann einen Staat zu seinem 88. Geburtstag schenken will, als erster Untertan engagieren. Die Kunde von diesem Staat zieht die Armen dieser Welt an. Sie wollen hinein, stürmen die Botschaft und die Politsatire nimmt ihren Lauf...

 

Michael Kamp (*1972,  Engagements am Schauspiel Dortmund, Bochum, Düsseldorf, Gründer des Austropott-Theaters am Dortmunder 'U') hat dieses abendfüllende Stück zu einer 25-minütigen szenischen  Lesung verdichtet, die er gemeinsam mit der Kammerschauspielern Barbara Blümel auf die Bühne bringen wird. Wichtiger Bestandteil des Stückes sind sechs Lieder, die Reinhard Fehling  komponiert hat. Sie geben Michael Kamp als Sänger und dem Chor 'Die letzten Heuler' Gelegenheit, sich von vielen musikalischen Seiten zu zeigen.

 

Weitere Junge und Wilde, die das Programm des Abends zu bieten hat, sind Georg Herwegh (Dichter des Vormärz), sowie die Romantiker Percy Bysshe Shelley (1792 - 1822) und Franz Schubert (1791 - 1828). Dessen berühmte, mit 18 Jahren geschriebene, Erlkönig-Vertonung hat Reinhard Fehling zu einer (fast) Heavy-Metal-Bearbeitung für Chor und Band ausgebaut.

Es wird also ordentlich Dampf geben bei der Premiere am 1. 11. um 20 Uhr in der Konzertaula Kamen. Die Corona-Auflagen werden beachtet: 200 Zuhörer auf personalisierten Plätzen sind zugelassen, um dem kompakten ca. 90-minütigem Programm, in dem die 'Heuler' mit Abstand 'heulen', ohne Pause zu lauschen.  Falls die Nachfrage über die 200 Plätze des Abendkonzertes hinausgeht, könnte ein weiteres Konzert um 17 Uhr desselben Tages angeboten werden.

Personalisierte Tickets sind ab dem 12. 10. bei der Mayerschen Buchhandlung in Kamen und bei den Chormitgliedern zum Preise von 15 Euro zu erhalten.

Hier eine kleine Kostprobe: Das Auftrittslied des Vagabunden Hupka aus 'Astoria'.

Komposition: Reinhard Fehling, Text: Jura Soyfer, Gesang: Michael Kamp

Vagabundenlied

 

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Meine Hymne 'Stadt Kamen: Glückauf!' ist als Videoclip auf Youtube online. Unter diesem Link können Sie fündig werden:

Stadt Kamen: Glückauf!

Die Partitur

 

Der Text:

Stadt Kamen: Glückauf!

1. Im Land, am Hellweg angelehnt,

baust, Kamen, du dein Feld.

Hier lässt es sich leben, behaust und bequem,

auch ohne das ganz große Geld.

Das Kreuz, das deinen Namen trägt,

ist Reisenden  bestens bekannt,

du trägst es mit Fassung. Es eilt und es lärmt

in Kamen am Sesekestrand.

 

2. Die Seseke, das blaue Band,

verbindet deine Flur,

hat Bleier und Reiher und noch allerhand

und schenkt uns zurück die Natur.

Dein schiefer Turm, der niederschaut,

hat märkische Grafen gesehn

und Handel  der Hanse, von Bürgern gebaut,

hält sturmfest die Wacht und bleibt stehn.

 

3. Aus tiefem Schacht das schwarze Gold,

der Knappe bracht's zu Tag;

''Glückauf' wird gegrüßt und Respekt dem gezollt,

der immer verweilen hier mag.

Der Zukunft -  einig, frei und mit Recht -

sei zugewandt freudig dein Lauf.

Und bist du nicht eitel, so bist du doch echt,

ein Gruß Dir, Stadt Kamen: Glückauf!